Präambel

Viruzidieprüfung - Besonderheiten und offene Fragen

Die vorliegende Liste beinhaltet eine Zusammenstellung der viruswirksamen Desinfektionsmittel in den Anwendungsbereichen Händedesinfektion, Flächendesinfektion, manuelle und maschinelle Instrumentendesinfektion. Für Prüfungen der Viruzidie von Desinfektionsmitteln stehen valide, endgültig verabschiedete europäische Phase 2, Stufe 2 Normen bislang noch nicht zur Verfügung. Obwohl die Arbeiten in den letzten Jahren wesentliche Fortschritte gemacht haben, befinden sich die vorliegenden Entwürfe zur Zeit in der technischen Abstimmung und unterliegen in diesem Stadium noch Änderungen. Es ist daher derzeitiger Stand der Technik, Aussagen zu viruzid wirksamen Konzentrationen / Einwirkzeiten von Desinfektionsmitteln aus Suspensionstests (Phase 2, Stufe 1 Tests) abzuleiten.

Die europäische Harmonisierung bei den Viruzidieprüfungen ist in den vergangenen Jahren deutlich vorangeschritten. Die europäische Norm EN 14476 (1) wurde stetig überarbeitet. Die Erfüllung der europäischen Normanforderungen ist sowohl für die Anwender als auch für die Hersteller von wesentlicher Bedeutung. Die Anwender haben die Möglichkeit, die Leistung der Produkte in einem harmonisierten europäischen Markt zu vergleichen. Auf der anderen Seite sind die Hersteller gefordert, für Medizinprodukte und Biozide harmonisierte Normen anzuwenden, um im gesamten Europäischen Raum ihre Verkehrsfähigkeit sicherzustellen. Dies wird von benannten Stellen (Notified Bodies) und Zulassungsbehörden überwacht.

Die vorliegende Fassung der DVV/RKI Leitlinie vom 01.12.2014 hat sich in einigen Punkten der harmonisierten EN 14476 weiter angenähert (2, 3, 4). Trotz dieser Annäherungen gibt es bei den Prüfviren und den zu prüfenden organischen Belastungen aber immer noch Unterschiede. In der Praxis ergibt sich damit folgende Situation: Der Nachweis der Viruswirksamkeit nach DVV/RKI Leitlinie ist in Deutschland in einigen Richtlinien und Empfehlungen verankert. Und auch bei in Deutschland zugelassenen Arzneimitteln beziehen sich Angaben zur Viruswirksamkeit auf Etiketten und Packungsbeilagen auf die DVV Methoden. Andererseits werden die Hersteller bei Medizinprodukten und Bioziden angehalten, Wirksamkeitsangaben auf den Etiketten vorrangig ausschließlich auf Basis der europäischen Normen zu machen.

Eine doppelte Deklaration, z.B. nach EN und DVV/RKI sieht der europäische Gesetzgeber nicht vor. Zudem würde der Anwender durch ggf. auftretende unterschiedliche Wirksamkeitsangaben verunsichert. Aktuelle Produktinformationen der Hersteller von Desinfektionsmitteln enthalten daher in der Regel sowohl Wirksamkeitsangaben nach europäischen Normen als auch nach der DVV/RKI Leitlinie. Für den Anwender stellt die damit erforderliche Interpretation von ggf. unterschiedlichen Wirksamkeitsangaben zur Viruzidie jedoch häufig eine erhebliche Schwierigkeit dar.

 

Die IHO-Liste viruswirksamer Desinfektionsmittel

Die Anwender haben ein berechtigtes Interesse, für die im Markt angebotenen Präparate verlässliche Aussagen auch hinsichtlich ihrer viruziden Wirksamkeit nach Stand der Technik in übersichtlicher Form zu erhalten. Um diesem Bedürfnis Rechnung zu tragen, geben die im IHO organisierten Desinfektionsmittelhersteller und -vertreiber seit 2008 eine Liste mit Angaben zur Viruzidie verschiedener Desinfektionsmittel heraus.

Diese Liste ist auch Desinfektionsmittelherstellern und -vertreibern zugänglich, die nicht im IHO organisiert sind. Die Aussagen beruhen auf Prüfungen gemäß akzeptierten Normen, Methoden und Leitlinien, sie werden von den jeweiligen Firmen ausschließlich in eigener Verantwortung gemacht. Wirksamkeitsaussagen zu viruziden Eigenschaften von Produkten müssen den Anforderungen der aktuellen Normen und Leitlinien entsprechen.

DVV Einzelgutachten müssen mindestens der RKI Empfehlung 2004 (5) entsprechen. Ältere Gutachten nach BGA/DVV (1982) (6) dürfen nicht mehr zum Beleg der Wirksamkeit herangezogen werden. Davon ausgenommen sind nur Arzneimittel, deren Wirksamkeit gegen einzelne Viren in der Zulassung vom BfArM bestätigt wurde. Wirksamkeitsbelege können sowohl von unabhängigen als auch von firmeneigenen Prüfeinrichtungen erbracht worden sein. Der Nachweis der Wirksamkeit durch die genannten Prüfeinrichtungen erfolgt unter der Voraussetzung, dass diese obligatorische, auditierte Qualitätssicherungssysteme implementiert haben, wie nach Arzneimittelrecht oder Medizinprodukterecht gefordert.

Die den gelisteten Werten zugrunde liegenden Gutachten werden von den Firmen auf Anfrage innerhalb von spätestens 6 Wochen zur Verfügung gestellt, um für den interessierten Anwender wichtige Details der Beurteilung und damit auch den wissenschaftlichen Anspruch der Liste nachvollziehbar zu machen. Kommt eine Firma ihrer Informationspflicht innerhalb der gesetzten Frist nicht nach, sollte die Geschäftsstelle des IHO über den Sachverhalt informiert werden (Tel. 069-2556-1247, Email: iho@iho.de). Der IHO behält sich in diesem Fall das Recht vor, den Eintrag des betroffenen Produktes, in begründeten Fällen alle Einträge des Herstellers/Vertreibers aus der Liste zu entfernen.

 

Viruswirksamkeit nach EN 14476 und nach DVV/RKI

Da – wie oben ausgeführt – die Prüfmethoden gemäß DVV/RKI Leitlinie und EN 14476 derzeit noch wesentliche Differenzen aufweisen, werden die Wirksamkeitsaussagen differenziert nach Prüfmethode aufgeführt. Der Anwender muss also selbst entscheiden, ob er europäischen Prüfmethoden oder DVV Prüfmethoden den Vorzug gibt. Beide Konzepte weisen spezifische Eigenheiten auf.

Bezüglich organischer Belastung ist die europäische Methode mit anderen europäischen Prüfmethoden harmonisiert. Es werden niedrige Belastung (clean conditions, 0.03 % Rinderserumalbumin) und hohe Belastung (dirty conditions, 0.3 % Rinderserumalbumin und 0.3 % Schaf-Erythrozyten) unterschieden.

Gemäß DVV ist immer sowohl ohne als auch mit Belastung zu testen. Bis Ende 2005 war die Prüfung unter zwei Belastungen 0,2 % BSA (Rinderserumalbumin) und 10 % FKS (fötales Kälberserum) vorgesehen; seit 2006 wird nur noch unter 10 % FKS geprüft. Da FKS als Lösung eingesetzt wird, beträgt der finale Proteinanteil bei der Viruzidieprüfung max. 0.6 %, liegt damit in einem ähnlichen Bereich wie im Fall der europäischen Belastung (7).

Sowohl die EN 14476 als auch die DVV/RKI Leitlinie erlauben inzwischen differenzierte Wirksamkeitsaussagen. Zu beachten ist jedoch, dass sich sowohl die Auswahl der Prüfviren als auch die daraus resultierenden Aussagen unterscheiden. Dies wird deutlich, wenn zusätzlich die neue Stellungnahme von RKI und Arbeitskreis Viruzidie berücksichtigt wird (8). In der folgenden Tabelle sind deshalb Prüfviren und resultierende Wirksamkeitsaussagen vergleichend zusammengestellt:

 

Wirksamkeitsspektrum

EN 14476:2015 (1)

DVV/RKI 2014 / 2016 (8)

Begrenzte Viruzidie

Modifiziertes Vacciniavirus Stamm Ankara

 

Modifiziertes Vaccinia Stamm Ankara, Bovine Viral Diarrhea Virus (BVDV)

 

Begrenzte Viruzidie PLUS

Adenovirus Typ 5 Stamm Adenoid 75,

Murines Norovirus Stamm S99 Berlin

 

Adenovirus Typ 5 Stamm Adenoid 75,

Murines Norovirus Stamm S99 Berlin

 

Viruzidie

 

Poliovirus Typ 1 Stamm LSc-2ab,

Adenovirus Typ 5 Stamm Adenoid 75,

Murines Norovirus Stamm S99 Berlin

 

Poliovirus Typ 1 Stamm LSc-2ab

Adenovirus Typ 5 Stamm Adenoid 75,
Polyomavirus SV 40 Stamm 777,

Murines Norovirus Stamm S99 Berlin

 

Die frühere Bezeichnung für Polyomavirus lautete Papovavirus.

Prüfergebnisse, die mit dem Vacciniavirus Stamm Elstree ermittelt wurden, behalten weiterhin ihre Gültigkeit, da beide Viren in ihrer Empfindlichkeit gegen Desinfektionsmittel als gleichwertig gelten (9).

Die RKI Kategorie „begrenzt viruzid plus“ ist derzeit nur für die Händewaschung und Händedesinfektion definiert (8). Eine Erweiterung auf die Flächendesinfektion und mit Einschränkungen auch auf die manuelle Instrumentendesinfektion erscheint plausibel.

Sowohl nach EN als auch nach DVV ist bei chemo-thermischen Desinfektionsverfahren >40°C mit einem Surrogatvirus die Wirksamkeit gegen unbehüllte Viren für die Aussage der Viruzidie zu prüfen. Hierfür wird das murine Parvovirus, Stamm Crawford, ATCC VR-1346 verwendet. Ergebnisse mit dem bovinen Parvovirus B19 Stamm Haden werden als weiterhin valide und verwendbar zur Bewertung der viruziden Wirksamkeit angesehen, da beide Viren in ihrer Empfindlichkeit gegen Desinfektionsmittel als gleichwertig gelten (10).

Dies entspricht dem historisch gewachsenen Stand der Phase 2 Stufe 1 Prüfungen. Für in der Entwicklung befindliche Phase 2 Stufe 2 Prüfungen unterstützt der IHO nachdrücklich die Schaffung europäisch harmonisierter Normen. Deren Vorwegnahme durch nationale Normen oder Richtlinien wird als nicht zielführend angesehen.

 

Akzeptanzkriterien

Von einer Viruswirksamkeit wird – unabhängig von der Prüfmethode – immer dann ausgegangen, wenn nach der geprüften Einwirkzeit unter den jeweiligen Prüfbedingungen eine Reduktion des initialen Virustiters um mindestens 99.99 % (entspricht mindestens 4 log10 Stufen) erreicht wird.

Die Differenzierung der Wirksamkeitsaussagen für Desinfektionsmittel ist sinnvoll, da in vielen Anwendungsfällen eine Wirksamkeit gegen behüllte Viren ausreicht, die bereits bei relativ niedrigen Anwendungskonzentrationen zu erreichen ist. So sind die meisten durch Blut / Sekret übertragenen Viren wie z.B. das Hepatitis B (9), das Hepatitis C und das HI Virus behüllt. Nach aktuellem Kenntnisstand lässt der Nachweis der begrenzten Viruzidie nach DVV/RKI Leitlinie einen Rückschluss auf die Wirksamkeit gegen andere behüllte Viren z.B. HBV (11), HCV und HIV zu. Nur im Verdachtsfall einer Erkrankung mit unbehüllten Viren oder in bestimmten Risikosituationen, z.B. bei der Aufbereitung von semikritischen Medizinprodukten, die nicht sterilisiert werden können, ist eine Wirksamkeit gegen behüllte und unbehüllte Viren (viruzid) erforderlich. Dabei sind die dazu notwendigen Konzentrationen, Einwirkzeiten sowie bei chemo-thermischer Aufbereitung die Prozesstemperatur zu berücksichtigen.

Die Empfehlung des RKI und der DVV (3) besagt, dass zusätzlich zur allgemeinen Auslobung einer (begrenzten) Viruzidie auch Deklarationen einer Wirksamkeit gegen einzelne klinisch relevante Viren zulässig sind. Aus diesem Grund enthält die Liste des IHO separate Einträge zur Wirksamkeit gegen Rota-, Adeno-, Polyoma (Papova) und Noroviren (12). Von einer Wirksamkeit gegen Rotaviren kann ebenfalls ausgegangen werden, wenn das Wirksamkeitsspektrum „begrenzt viruzid plus“ erfüllt wird (8).

 

Was tun im akuten Seuchenfall?

Im akuten Seuchenfall gelten naturgemäß höhere Anforderungen an die Wirksamkeit der Produkte. Es sind nur solche Desinfektionsmittel zu verwenden, die vom Robert Koch-Institut gemäß § 18 des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) auf Grund einer eigenen Bewertung in die RKI-Liste aufgenommen wurden. Die Prüfkriterien des RKI im Seuchenfall unterscheiden sich erheblich von denen der EN 14476 bzw. der DVV/RKI Leitlinie. Der Anwender ist in diesem speziellen Fall gehalten, sich über die jeweiligen Anwendungsgebiete, die anzuwendenden Desinfektionsmittel, Konzentrationen und Einwirkzeiten direkt in der RKI-Liste (13) zu informieren.

 

Immer aktuell und verantwortungsbewusst

Desinfektionsmittel orientieren sich stets am aktuellen Stand der Technik und werden bei Bedarf weiterentwickelt, die Rezepturen somit entsprechend angepasst. In Abhängigkeit von Art und Umfang der jeweiligen Rezepturanpassung kann es erforderlich sein, die Wirksamkeit fallweise mit einem zulässigen Analogieschluss, einer Eckwertprüfung oder einer kompletten Neuprüfung der Viruswirksamkeit festzustellen. Der Hersteller/Vertreiber stellt in seiner Verantwortung sicher, dass die vorliegenden Wirksamkeitsbelege auf die aktuell vermarktete Rezeptur anwendbar sind und aktualisiert die Einträge in der Liste des IHO entsprechend dem Stand der Technik.

Die Mitgliedsfirmen des IHO sind der festen Überzeugung, mit dieser Liste einen wertvollen Beitrag zum indikationsgerechten und vernünftigen Einsatz von Desinfektionsmitteln zu leisten.

 

Literatur

 

  1. DIN EN 14476:2015, Chemische Desinfektionsmittel und Antiseptika - Quantitativer Suspensionsversuch Viruzidie für in der Humanmedizin verwendete chemische Desinfektionsmittel und Antiseptika - Prüfverfahren und Anforderungen (Phase 2, Stufe 1)
  1. Leitlinie der DVV und des RKI zur Prüfung von chemischen Desinfektionsmitteln gegen Viren in der Humanmedizin, Fassung vom 15. Juni 2005, Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 48 (2005) 1420-1426
  1. Leitlinie der DVV und des RKI zur Prüfung von chemischen Desinfektionsmitteln gegen Viren in der Humanmedizin, Fassung vom 1. August 2008, Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 51 (2008) 937-945
  1. Leitlinie der DVV und des RKI zur Prüfung von chemischen Desinfektionsmitteln gegen Viren in der Humanmedizin, Fassung vom 1. Dezember 2014, Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 58 (2015) 493–504
  1. Empfehlung Prüfung und Deklaration der Wirksamkeit von Desinfektionsmitteln gegen Viren, Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 47 (2004) 62-66
  1. Richtlinie des Bundesgesundheitsamtes und der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten zur Prüfung von chemischen Desinfektionsmitteln gegen Viren, Bundesgesundheitsbl. 25 (1982), 397 – 398
  1. Standardization of fetal bovines serum quality assessment and reporting definitions and sample certificates (Abrufbar unter: http://www.serumindustry.org/documents/ISIAStandardizationdocument081.pdf)
  1. Empfehlung zur Auswahl viruzider Desinfektionsmittel - eine neue Stellungnahme des Arbeitskreises Viruzidie beim RKI (2016), Publikation in Vorbereitung (Abrufbar unter: http://www.krankenhaushygiene.de/referate/d13b4982da4e67a8f40f1d8c674171ed.pdf)
  1. Hartnack S., Essbauer S., Truyen U., Substitution of vaccinia virus Elstree by modified vaccinia virus Ankara to test the virucidal efficacy of chemical disinfectants, Zoonoses Public Health. 2008;55(2):99-105
  1. Mitteilung des DVV-Desinfektionsausschuss zum Austausch des bovinen Parvovirus (Stamm Haden) gegen das murine Parvovirus (Stamm Crawford - Minute Virus of Mice, MVM) als Modellviren im Rahmen der Viruzidietestung (1.10.2014) (Abrufbar unter http://www.dvv-ev.de/FachausKommis/FachausVirusdesinfektion/ViruzidiepuefungMitteilungen/Mitteilung%20zu%20Parvoviren%201%2010%2014.pdf)
  1. Sauerbrei et al., BMC Infectious Diseases 2012, 12:276
  1. Steinmann et al., Hyg. Med. 2008; 33: 184-188
  1. Liste der vom Robert Koch-Institut geprüften und anerkannten Desinfektionsmittel und -verfahren in der jeweils aktuellen Fassung. Abrufbar unter www.rki.de

 

WICHTIGE NACHBEMERKUNG

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